Dienstag, 20. Oktober 2015

"Conversazione a..." - Folge 5: Frankfurt/Francoforte

Frankfurter Buchmesse 2015 
Langstreckenlauf am letzten Messetag

Liebe Italienreport-Leser!

Es ist vorbei und fängt doch schon wieder an: Das Bücherfieber auf der Frankfurter Buchmesse 2015. Vorgestern ist die 67. Buchmesse in Frankfurt am Main zuende gegangen und ich habe für euch ein paar ausgewählte Bücher mitgebracht, die uns in der nächsten Zeit beschäftigen werden. Es wird also noch ein bißchen dauern, bis sich das Fieber wieder senkt. Daher also doch kein Ende in Sicht: Nach der Messe ist vor der Messe.  

Bevor wir in die Lektüren und Besprechungen der Bücher einsteigen, möchte ich euch heute von meinen Eindrücken und Beobachtungen erzählen, die ich bei meinem Langstreckenlauf über die Buchmesse gemacht habe.  

Vieles war wie immer: Es war voll, die Luft wurde immer schlechter, die Tragetaschen immer schwerer, die Zeit immer knapper. Nicht aber bei den Italienern, die ich in Halle 5.0 als erstes besucht habe. Ein guter Einstieg, hier war noch viel Luft und Platz, nur wenige Besucher schlenderten durch die Gänge. Die Bücher standen müde in den Regalen, man sah die Spuren der vielen Hände, die sie schon gegriffen hatten. Während der Stand von Rizzoli bereits mit Abwesenheit glänzte und nur riesige, unsortierte Papierstapel hinterlassen hatte, waren andere Stände noch gut sortiert. Da im nächsten Jahr Deutschland Ehrengast auf der Children's Book Fair in Bologna sein wird, interessierten mich v.a. die italienischen Kinderbücher, von denen ich euch zwei mitgebracht habe: Iole, La balena mangiaparole von Gioia Marcchegiani und Una viola al polo nord von Gianni Rodari.
Eigentlich hätten es drei werden sollen, doch während die einen ihre Bücher zum halben Preis verschleuderten, verkauften sie andere gar nicht. Das eine oder andere ist also noch auf dem Postwege zu uns. Lasst euch überraschen. Von Halle 5 war es nicht mehr weit zur ARD-Bühne, wo um die Mittagszeit die Autorin Petra Reski interviewt wurde. Ihr neuester Kriminalroman Die Gesichter der Toten (Hoffmann & Campe) ist also auch dabei. In ihren Interviews und Rezensionen der vergangenen Woche wurde viel über die Mafia und Reskis biographische Erfahrungen gesprochen, weniger aber tatsächlich über ihren Roman, seine Handlung, seine Gestalt, seine Sprache. Natürlich werden wir das hier nachholen, wenngleich Reskis Schilderungen in Radio, TV und Zeitung sehr spannend, interessant und empfehlenswert sind. 

Von der ARD-Bühne gings sogleich in Halle 4.1, um den Suhrkamp Verlag, den Wagenbach Verlag und den mare Verlag zu besuchen. Vom Wagenbach Verlag, habe ich euch Davide Longos Der Steingänger mitgebracht, der von Italienreport im "lessico famigliare" schon einmal kurz präsentiert worden ist. Doch das ist nicht genug, ebenso wenig wie das Programm des Wagenbach Verlags genug ist. Das Programm schien geschrumpft zu sein, wenngleich die präsentierten Titel – wie immer im Wagenbach Verlag – von hoher Qualität waren, inhaltlich wie auch in ihrer Aufmachung. Darunter Pasolinis Petrolio, ein echter Brocken. Ein Mitarbeiter des Verlages klärte mich sogleich auf: Bei Spanien denkt man an Suhrkamp, bei Italien an Wagenbach. Ah, dachte ich, deshalb ist mir bei Suhrkamp auf Anhieb kein passender Titel in die Hände gefallen. Doch wir werden noch tiefer graben und auch bei Suhrkamp fündig werden, das kann ich euch versprechen. Dass Wagenbach der Verlag für italienische Literatur in Deutschland ist, ist hinlänglich bekannt. Dass die Anzahl der Titel jedoch so gering ist, dass es nicht lohnt ein wenn auch noch so dünnes Faltblatt der Neuerscheinungen aus dem Italienischen (neben der so genannten "Zwiebel", die das gesamte lieferbare Verlagsprogramm auflistet) anzufertigen, ist weniger traurig als besorgniserregend. Ja, was ist denn los auf dem italienischen Buchmarkt bzw. auf dem deutschen Buchmarkt? Und noch einmal: Ein Mitarbeiter des Verlages klärte mich sogleich auf: Na, es gibt irgendwie nix und die wenigen Titel, die gut sind..., die größeren Verlage haben natürlich auch ganz andere Kapazitäten.... Ja, das stimmt, aber wir sind ja froh, dass der Wagenbach Verlag gar nicht alle denkbaren italienischen Titel, die auf dem Markt kursieren, verlegen will. Die Ausgewähltheit und Qualität der verlegten Literatur hat ja gerade das Profil dieses unabhängigen Verlages über Jahrzehnte gekennzeichnet. Wagenbach, das ist der Verlag, wo man glücklicherweise vor den von Klischees und flacher Heiterkeit durchsetzten Romanen wie Astrida Wallats Pikkolo und Panettone, Famiglia Manotti tischt auf verschont bleibt. Doch, dass es "irgendwie nix gibt" hören wir von Italienreport natürlich nicht gerne. Kann das denn sein, dass es keine italienische Gegenwartsliteratur gibt, die es sich lohnen würde im Wagenbach Verlag zu verlegen und deren Lizenzen nicht von den finanzstärkeren Publikumsverlagen weggeschnappt werden. Mmh, wir behalten das auf jeden Fall im Blick. Etwas nachdenklich schaute ich mir gleich gegenüber die beiden Bände von Maike Albath an, die im Berenberg Verlag erschienen sind und auf die wir eines Tages sicher noch zu sprechen kommen werden: Rom, Träume und Der Geist von Turin. Doch das muss warten. Der Blick auf die Uhr trieb mich weiter, ich war ja noch nicht mal in Halle 3.0 angekommen. Eine Adresse in Halle 5 konnte ich jedoch auf keinen Fall auslassen: mare Verlag. Das Heft mit den Neuerscheinungen längst vergriffen, entdeckte ich vor Ort so einige Titel, die für Italienreport wie gemacht zu sein scheinen. Da man als Langstreckenläufer bzw. Langlauf Skifahrerin mit seinem Gepäck gut haushalten sollte, habe ich euch vorerst nur zwei Titel - von Luigi Trucillo Die Geometrie der Liebe und von Claretta Cerio Mein Capri - mitgebracht. Ich danke der Offenheit, Freundlichkeit, Frische und Großzügigkeit mit der ich an diesem Stand empfangen wurde. 

Nun aber weiter. Zwei von vielen, vielen Anekdoten möchte ich euch nämlich noch erzählen: Beim Piper Verlag erfreute ich mich an den angenehmen Sitzgelegenheiten und den originellen Lampen. Doch es geht um Bücher. Ich entdeckte sofort die Autobiographie von Sophia Loren, die schon längst auf meinem heimischen Büchertisch lag und auch die Titel von Roberta De Falco und Lorenzo Marone erkannte ich wieder, doch nicht diese Bände trieben mich um. Ich suchte auch hier das Gespräch, erkundigte mich nach Programmauswahl und Lektoren, die der italienischen Literatur kundig sind und mit denen sich Kontakt aufnehmen lasse. Fehlanzeige. Eine Reihe, die sich mit italienischer Literatur beschäftigt, ein Schwerpunkt vielleicht bei Pendo: "Nein, haben wir nicht." Einen Lektor, der der italienischen Literatur kundig ist und die italienischen Titel betreut. "Wie übersetzen die Romane nicht". Ein Lektor, der sich mit italienischer Literatur auskennt: "Gibt es nicht." Nanu, was ist denn hier los. Klar, kann man nicht alle Fragen beantworten und klar, hat man am letzten Messetag auf solche Fragen vielleicht keine Lust mehr. Doch selbst ein Verweis auf die Presseabteilung hätte einen adäquateren Eindruck hinterlassen. Der Piper Verlag hatte insbesondere in den fünfziger Jahren die italienische Literatur verlegt und damit das Profil des Verlages geprägt, so liest man es zumindest in der Verlagsgeschichte, die der Piper Verlag auf seiner Website veröffentlicht hat. Wie es für Langstreckenläufer aber typisch ist, bleiben sie nicht auf der Strecke, laufen weiter und haben einen langen Atem. Wir werden also auch hier noch eingehender forschen. 

Wenn also nichts geht, geht wenigstens die Presseabteilung, das hat mir die Dame vom Oetinger Verlag empfohlen. Wir erinnern uns noch einmal kurz an den Anfang: Halle 5.0 italienische Kinderbücher, Kinderbuchmesse 2016 in Bologna. Na, da liegt es doch nahe einmal bei den deutschen Kinderbuchverlagen nachzufragen, was es so aus Italien gibt. Mir schien, man hatte die Langlaufski schon abgelegt und ging bereits barfuß oder hatte die Stöcker verloren. Ich wollte die Lage daher nicht überstrapazieren als ich gewahr wurde, dass meine Frage nach italienischen Autoren im Programm überhaupt nicht verstanden wurde. Ich versuchte noch zu erklären, na es würden doch in Italien Kinderbücher von italienischen Autoren verfasst und illustriert werden, die man möglicherweise in die deutsche Sprache übersetzt, um sie... . Die wie aus dem Nichts rauchend aufsteigenden Fragezeichen konnte man dieses Mal leider nicht mehr mit der antiken Weisheit Sokrates' auflösen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Da zumindest ich mir dessen bewusst bin, bleibe ich auch hier dran und recherchiere weiter statt das unglaublich umfangreiche, mehrbändige und damit schwere Verlagsprogramm mitzunehmen. Angesichts der sportlichen Leistung, die ein Langstreckenlauf auf der Buchmesse erfordert, entschied ich mich, mich erst einmal auf der Homepage kundig zu machen. Es ist schließlich noch ein langer Weg, bis unsere Fragen Antworten finden und die italienische Literatur auf dem deutschen Markt einen größeren Rang einnimmt. Atemlos sind wir deshalb noch lange nicht und eines ist klar: Gibts nicht, geht nicht. Das haben nicht zuletzt Moshe Kahn und der S. Fischer Verlag in diesem Jahr mit Stefano D'Arrigos Horcynos Orca bewiesen. Kahn erhielt für seine Übersetzung den diesjährigen "Deutsch-italienischen Übersetzerpreis", der seit 2008 jährlich vergeben wird. Aber wer weiß das schon, über die Übersetzer spricht kaum jemand. Auch das wollen wir ändern. Liebe Italienreport-Leser, ihr seht, da liegt noch einiges vor uns und wir können uns freuen, denn jetzt haben wir viel Platz, viel Ruhe und viel Zeit bis zur Frankfurter Buchmesse 2016. 

Freitag, 16. Oktober 2015

"Ein Buch und eine Meinung" - Folge 8: Josef Winkler

Das bewegte Leben der Natura Morta in Rom
Josef Winklers Natura Morta, Eine römische Novelle (2001)

 
Taschenbuchausgabe des Suhrkamp Verlags
Der Untertitel Eine römische Novelle ist nicht nur der Verweis auf Rom, sondern stellt zugleich klar, dass es sich hier nicht um einen Reisebericht handeln wird, der mit der Exotik der italienischen Fremde spielt. Josef Winkler hat das Programm für sein Schreiben selbst folgendermaßen zusammengefasst: „Es reizt mich jetzt nicht, besonders unglaubliche Geschichten zu erzählen, sondern es reizt mich eher, etwas nicht Unglaubliches unglaublich zu erzählen.“ (Josef Winkler, zitiert nach Günther A. Höfler (Hg.), Josef Winkler, 1998, S. 10). Genau das gelingt Winkler in diesem Text, der von nicht mehr und nicht weniger handelt als von römischen Marktszenen, Fleisch- und Fischverkäufern, ihrer Arbeit und dem Aufräumen am Ende des Tagewerks auf der Piazza Vittorio Emanuele oder vor dem Vatikan, von Bettlern, Huren und Zigeunern. Das Marktleben kontrastiert dabei aufs Extremste den Ort an dem es spielt, dem Vatikan. Profanes und Heiliges geraten aneinander bzw. werden über ihre Abgründe miteinander verbunden. Die Erzählung verläuft dabei kaum linear, weil die Beschreibungen wie narrative Brocken den Erzählfluss aufsprengen und es dem Leser so zugleich ermöglichen, an jeder Stelle seines Buches in das Geschehen einzudringen. Völlig handlungsfrei ist seine Novelle dennoch nicht und wie die Bezeichnung Novelle schon ahnen lässt, geht es auch bei Winkler um eine „unerhörte Begebenheit“: den plötzlichen Unfalltod des sechzehn Jahre alten Piccoletto, den Sohn einer Feigenverkäuferin. Mit einer Pizza in der Hand läuft er in ein Feuerwehrauto und ist sofort tot. Für einen Moment kommt an diesem Höhepunkt des Erzählens das gesamte laute und chaotische Marktgeschehen zur Ruhe. Alles steht still. Piccoletto arbeitet unter der Woche für den Fischhändler Frocio, der den Jungen in eine homosexuelle Beziehung verwickelt und der nach der Beerdigung Picolettos am Ende der Novelle fast seinen Verstand verliert. Doch nicht der Plot steht im Zentrum dieser Novelle, sondern die Beschreibungen des Marktgeschehens. Josef Winklers Novelle strotzt dabei vor Sinnlichkeit. Sie schildert Gerüche, Geräusche und Geschmäcker, Blut, Sperma und andere Flüssigkeiten, die das römische Marktgeschehen in sich birgt und es zwischen Verführung und Ekel ansiedeln. Winkler führt dabei seine Leser unmittelbar und schamlos an die Dinge heran:

„Zwei mit Sägespänen beklebte Schweinsköpfe mit blutigen Ohren lagen in einem großen, schwarzen Abfallkübel zwischen Schafsköpfen, Hühnerbeinen, Hühnerköpfen, Cola- und Bierdosen. Eine Zigeunerin, die mit der einen Hand ihr Erdnüsse essendes Kund hielt, klaubte mit der anderen weggeworfene Hühnerköpfe, Hühnerbeine und Geflügeleingeweide aus einem Abfallkorb und stopfte sie in ihren Plastiksack.“ (S. 24)

Oder an anderer Stelle:

„In einer mit Südfrüchten dekorierten Schale, zwischen getrockneten Ananas, Feigen und Datteln, lag mit ausgebreiteten Armen eine Jesuskindpuppe mit einem vergoldeten Drahtheiligenschein. Ein kleines, blondes Zigeunerkind mit Schmutz verkrusteter Kopfhaut, das an starkem Haarausfall litt, ging bloßfüßig durch Glasscheiben, Eingeweide, blutige Hühnerköpfe und gelbe Hühnerkrallen auf die Feigenverkäuferin zu. Ein Zigeunermädchen schälte mit ihren rotlackierten, langen, schmutzigen Fingernägeln eine frische, grüne Feige. (…).“ (S. 60)

Das hat wahrlich nichts mit einem touristischen Blick auf das italienische „La dolce vita“ zu tun, das der deutsche Leser für gewöhnlich zu erwarten glaubt, wenn ein deutscher Autor über Italien zu schreiben beginnt. Innerhalb der anschaulich beschriebenen sinnlichen Erfahrungen reiben sich immer wieder Vernunft- und Lustprinzip aneinander, wird die Sehnsucht dadurch befeuert, dass das Objekt der Sehnsucht unverstanden bleibt. Es entwickelt sich eine regelrechte Obsession des Blicks bzw. des Beobachtens, die die Realität ausufern lässt, Raum- und Zeitgrenzen überschreitet und aus gewohnten Ordnungsbahnen hebt. Die reale Welt erscheint als völliges Chaos, das vom distanzierten Beobachter in all seinen Wirklichkeitspartikeln gesammelt wird. Für den Leser bzw. den lesenden Betrachter gibt es kein Entkommen aus der Dichte der oft grausamen Straßenszenen. Der Erzähler tritt völlig zurück, lässt keinerlei Gefühle durchscheinen, kommentiert nicht, sondern sieht und gibt das Gesehene unverändert an seine Leser weiter. Frei von moralischen oder gesellschaftlichen Wahrnehmungszwängen eröffnet sich dem Leser die ganze Breite des beobachteten Lebens. Wie ein Seziermesser durchdringt Winklers Sprache der Beschreibung das Gewebe der Wirklichkeit und das menschliche Bewusstseins, das sich über die Sprache neu zur Welt bringt.

Josef Winkler teilt seine römische Novelle Natura Morta in insgesamt 6 Kapitel ein, von denen das erste und dritte Kapitel selbst Natura Morta heißen. Allen Kapiteln gemeinsam ist, dass ihnen Zitate aus Gedichten von Giuseppe Ungaretti, einem der wichtigsten italienischen Lyriker der Moderne, vorangestellt werden. Die Zitate bleiben mit dem Text selbst unverbunden, sind ein weiteres Fragment der Wirklichkeit und des Bewusstseins von der Wirklichkeit, die der Leser bewältigen muss. Losgelöst von den Ereignissen und Beobachtungen des Erzählers führen sie eine weitere Ebene der Reflexion über Tod und Vergänglichkeit ein. Die Erzählsituation selbst bleibt allerdings offen, denn wer in diesen Zitaten spricht und von wem sie stammen, ist ungeklärt. Und einige weitere Zitate bleiben durch ihre Unkenntlichkeit und Anonymität im Verborgenen des Textes, geschluckt von der Sprache der Wirklichkeit.

Die Schlachtung der Tiere auf dem Familienbauernhof, die Omnipräsenz der Christusfigur und die Geschichten über Tod und Teufel, die Josef Winkler in seiner Kindheit von seiner Großmutter erzählt bekommen hat, bilden die autobiographischen Spuren, die den Erfahrungshintergrund zahlreicher einzelner Szenen dieses Werks kennzeichnen. Die Beschreibungen der zerstörten Körper sind wie Stellvertreter der toten Tiere und geben ihnen ein zeitloses Dasein zurück. Stillleben, Natura Morta, das sind sowohl die Gegenstände der Beschreibungen als auch die Beschreibungen selbst, die durch ihre Sinnlichkeit es dennoch schaffen bewegt und lebendig zu erscheinen. Isolation, Tod, Sexualität und Homosexualität, Körperlichkeit und die Probleme, die diesbezüglich in einer patriarchalen und katholisch geprägten Welt entstehen wie er selbst sie erlebt hat, sind die zentralen Themen seiner Texte. Gerade die Überwindung des biographischen Hintergrunds der meisten seiner frühen Werke, die in der heimatlichen Provinz in Österreich spielen, macht diesen kurzen Text zu einem wichtigen poetologischen Entwicklungsschritt in Winklers Schaffen, das hiermit seine Heimat verlässt, um nach Italien oder auch bis nach Indien aufzubrechen.

Josef Winkler wurde 1953 in Kamering (Österreich) geboren und wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Nach dem Besuch der Handelsschule arbeitete er in dem Büro der Oberkärntner Molkerei. Seine Mutter, die über den frühen Tod ihres Bruders verstummt war und sein Vater, der die Sprache dieses Jungen nicht verstehen wollten schufen eine „sprachlose Welt“, wie Winkler sie selbst nannte, die die Magie und Anziehung von Sprache vielleicht für Winkler überhaupt erst hervorgebracht haben. Es folgte die Arbeit für einen Verlagsbetrieb, später in der Verwaltung der Klagenfurter Universität für Bildungswissenschaften. Winkler organisierte einen literarischen Kreis und gab die Zeitschrift „Schreibarbeiten“ heraus, bis er 1979 mit seinem ersten Roman Menschenkind den zweiten Preis des Ingeborg-Bachmann-Preises hinter Gert Hoffmann gewann. Es folgten zahlreiche Romane und Erzählungen, die allesamt im Suhrkamp Verlag erschienen:

Der Ackermann aus Kärnten (1980) und Muttersprache (1982) bildeten mit seinem ersten Roman die Trilogie Das wilde Kärnten. In den achtziger Jahren folgten Die Verschleppung (1983) und Der Leibeigene (1987). In den neunziger Jahren veröffentlichte Winkler Friedhof der bitteren Orangen (1990), Das Zöglingsheft des Jean Genet (1992), Domra (1996) und Wenn es soweit ist (1998). Das 21. Jahrhundert eröffnet Winkler mit der hier besprochenen Novelle Natura Morta (2001), auf die Leichnam, seine Familie belauernd (2003), Indien Varanasi, Harishchandra. Reisejournal (2006) folgten und Roppongi, Requiem für einen Vater, das Winkler verfasste, nachdem sein Vater im Alter von 99 Jahren verstarb, während er selbst mit seiner Familie in Tokio im Stadtteil Roppongi wohnte. Unermüdlich hat Winkler weitergeschrieben: Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot (2008), Der Katzensilberkranz in der Henselstraße (2009), Schwimmer, kasteie dein Fisch. Bilder und Texte (2010), Die Wetterhähne des Glücks und die Totenkulterer von Kärnten (2011), Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrücke der Engel (2011), Wortschatz der Nacht (2013), Mutter und der Bleistift (2013) und zuletzt Winnetou, Abel und ich (2014).

Winkler hat zahlreiche Preise erhalten, u.a. den Alfred-Döblin-Preis (2001) oder den Georg-Büchner-Preis (2008). Seit 1994/1995 ist der Stadtschreiber von Bergen. 2009 erhielt Josef Winkler das Ehrendoktorat der Universität Klagenfurt.

Josef Winkler: Natura Morta, Eine römische Novelle, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, 120 Seiten, 7,00 €

 

Mittwoch, 14. Oktober 2015

giornale poetico - quadri

Giuseppe Arcimboldo (Abb. 1)
Giuseppe Arcimboldo (Abb. 2)

Liebe Italienreport-Leser!

Es ist viel los in der Bücherwelt, Neuer-scheinungen folgen auf Neuerscheinungen, von den Neuerscheinungen aus dem Italienischen habe ich euch kürzlich erst berichtet. Vorgestern hat der Wiesbadener Schriftsteller Frank Witzel mit seinem Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 den Deutschen Buchpreis 2015 erhalten und gestern dann hat die Frankfurter Buchmesse begonnen, von der ich euch natürlich auch in Kürze berichten werde. So geht es offensichtlich auch in diesem Herbst wieder stürmisch auf dem Buchmarkt zu, stürmisch auf meinem Blog und irgendwie auch stürmisch in den Bildern von Giuseppe Arcimboldo. Doch der Reihe nach: Seit mehreren Wochen schon verfolgen wir immer eine Weile einem bestimmten Thema und Suchen nach seinen Lektüren und Gestaltungen in Kunst und Kultur Italiens und Deutschlands. Unser noch immer aktuelles Thema lautet Stillleben, das durch die Ereignisse und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt etwas aus unseren Augen, nicht aber aus unserem/n Sinn/en verschwunden ist. Daher steige ich erneut mit Giuseppe Arcimboldo ein, einem italienischen Maler, dessen Bilder weltberühmt geworden sind und von denen ich euch etwas erzählen will, doch schauen wir uns vorher noch ein zweites seiner Gemälde an:

Giuseppe Arcimboldo wurde 1526 in Mailand geboren, wo er bis 1593 lebte. Arcimboldo ist ein Maler der italienischen Spätrenaissance und kann der Strömung des Manierismus zugeordnet werden. Berühmt geworden ist er mit seinen Tafelbildern, auf denen er Porträts aus organischen oder auch anorganischen Gegenständen wie Früchten und Gemüse oder Bücher und Geschirr komponierte. Kaum einer, der seine Bilder nicht im Laufe seiner Schulzeit einmal im Kunstunterricht gesehen hat oder ähnliche Bilder nachgestellt hat. Zu seinen zentralen Werken gehört u.a. der Zyklus Vier Jahreszeiten, in dem der Künstler die Jahreszeiten einerseits personalisiert und andererseits die Porträts aus für die Jahreszeiten typischen Plfanzen komponiert hat. Die vier Werke sind zugleich eine Allegorie verschiedener Lebensalter und durchsetzt mit Anspielungen auf das seinerzeit politische und gesellschaftliche Geschehen und seine Persönlichkeiten - z.B. die Habsburger, die seit 1525 Mailand und ganz Norditalien beherrschten. Weitaus mehr also sind diese Tafelbilder als die Darstellung des stillen Lebens der Natura von Früchten und weiteren Stoffen. Jedes dieser Natura Morta ist Katalysator, ist Porträt und Typisierung der Zeit.

Abb. 1: Giuseppe Arcimboldo: Rudolf II als Vertumnus, Öl auf Holz, etwa 1590, Schloss Skokloster
Abb. 2: Giuseppe Arcimboldo: Der Bibliothekar, Öl auf Leinwand, um 1570

Lizenzen der Gemäldereproduktionen: gemeinfrei
(siehe: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arcimboldovertemnus.jpeg?uselang=de)


Mittwoch, 7. Oktober 2015

lessico famigliare - Neuerscheinungen aus dem Italienischen im Oktober 2015

Liebe Italienreport-Leser!

Heute möchte ich Euch wieder die Neuerscheinungen aus dem Italienischen des aktuellen Monats vorstellen. Doch bevor wir einen Blick auf die Bücher im Oktober werfen, möchte ich unbedingt noch auf einen Titel hinweisen, der im September erschienen ist und den ich das letzte Mal leider vergessen habe. Es geht um Paolo Giordano und Schwarz und Silber, einen Roman, der am 25. September 2015 das erste Mal in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag erschienen ist. Giordanos bereits zweiter Roman erschien erstmals 2014 im Turiner Einaudi Verlag unter dem Titel Il nero e l’argento. Der Titel wurde also diesmal eins zu eins ins Deutsche übersetzt. Für seinen ersten Roman Die Einsamkeit der Primzahlen, der 2008 in Italien erschien und zum internationalen Bestseller wurde, erhielt Giordano sogar die wichtigste italienische Auszeichnung, den Premio Strega. Giordano, 1982 in Turin geboren, wo er Physik studierte und derzeit an seiner Promotion in theoretischer Physik arbeitet, erzählt in seinem zweiten Roman die Geschichte von Babette. Babette ist die Kinderfrau des Sohnes von Nora und ihrem Mann und gehört quasi zur Familie. Als sie an Krebs erkrankt bricht für die junge Familie ein wichtiger Teil ihres Lebens weg. Ohne Babette fehlt nicht nur eine der wichtigsten Bezugspersonen für den Jungen, sondern gerät auch das Gefühlsleben des Ehepaars ins Wanken. Jeder zieht sich in sich selbst zurück. Das Fehlen Babettes verändert folglich das Leben der ganzen Familie und jedes Einzelnen. Der Roman erzählt die Bedeutung und Gestaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen, vom schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen, vom Umgang mit Gefühlen und das mit einer verblüffenden psychologischen Beobachtungsgabe und großer Empathie. Nachträglich unbedingt dokumentiert und empfohlen sei:


Paolo Giordano: Schwarz und Silber, aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, deutsche Erstausgabe, Reinbeck: Rowohlt, 25. September 2015, 176 Seiten, 17,95 €.

 
Und jetzt: Oktober! 




5. Oktober 2015: Roberta De Falco: Gute Zeiten für schlechte Menschen, Ein Triest-Krimi, aus dem Italienischen von Luis Ruby, München: Piper Verlag, 304 Seiten, 14,99 €

In De Falcos Kriminalroman wird der Commissario Benussi selbst zum Schriftsteller. In dem gemeinsamen Ferienhaus auf dem Karst möchte Benussi endlich seinen Krimi schreiben und die Liebe zu seiner Ehefrau Carla genießen. Doch stattdessen kommen eisige Zeiten auf ihn zu. Kurz vor Weihnachten verschwindet seine Frau Carla spurlos. Während Benussi im Ferienhaus festsitzt, enthüllen seine Kollegen Elettra Morin und Valerio Gargiulo die Spuren von Hass und Gewalt, die bis in die tiefe Vergangenheit zurückführen.




 
6. Oktober 2015: Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert, Berlin: Suhrkamp, 314 Seiten, 29,95 €

Der Informationstheoretiker Floridi beschreibt die explosionsartige Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien als eine vierte Revolution, die heute fast jeden Menschen oder zumindest sein alltägliches Umfeld, das zu einer „Infosphäre“ geworden ist, betrifft. Aus dem Leben werde, ob man will oder nicht, zunehmend ein „Onlife“, da die Technologien immer stärker bestimmen, wie Menschen nicht nur kommunizieren, sondern auch einkaufen, arbeiten, entspannen, Urlaub machen etc. Die vierte Revolution folgt auf die Revolution der Physik (Kopernikus), der Biologie (Darwin) und der Psychologie (Freud). Floridi zeigt Risiken und Gefahren wie ethische und ökologische Alternativen des Denkens und Handelns auf.




19. Oktober 2015: Roberta De Falco: Die trüben Wasser von Triest, Kriminalroman, aus dem Italienischen von Luis Ruby, München: Piper Verlag, 336 Seiten, 9,99 €

Und noch mehr Roberta De Falco! Und wieder ein Fall für Commissario Benussi. Diesmal wird eine alte Dame tot im Hafenbecken von Triest aufgefunden. Eine große Anzahl an Verdächtigen macht diesen Fall kompliziert. So kompliziert, dass Benussi am Ende sogar sein eigenes Leben riskieren muss, um das Leben des Mörders zu retten.





20. Oktober 2015: Sophia Loren: Mein Leben, aus dem Italienischen von Christine Ammann, Claudia Kolitzus und Antje Peter, München: Piper Verlag, 368 Seiten, mit 33 Farb- und 81 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 9,99 € 

Die Autobiografie von Sophia Loren erscheint anlässlich ihres 80. Geburtstags: Sophia Loren verkörpert Schönheit, Sex und Sinnlichkeit. Mit ihrer Autobiographie löst Loren die Boulevardpresse ab, die bisher über ihr Leben schrieb. Sie erzählt, wie es war, aus dem Armenviertel in Neapel in die große Welt der Stars einzutreten, wie es war, mit Marcello Mastroianni über viele Jahre das Traumpaar der Filmwelt darzustellen, ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Vittorio De Sica, mit Charlie Chaplin, Cary Grant (der ihr einen Heiratsantrag machte), Anthony Quinn, John Wayne – kaum ein großer Regisseur, Schauspieler, der nicht mit ihr gearbeitet hätte.



23. Oktober 2015: Antonio Tabucchi: Für Isabel, aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, München: dtv, 176 Seiten, 8,90 €  

Der ein oder andere wird es schon kennen: Für Isabel von Antonio Tabucchi erscheint endlich auch im Taschenbuch. Das lohnt sich, nicht nur, weil es so günstig ist, sondern weil Tabucchi einer der wichtigsten Schriftsteller Italiens ist. In seinem Roman Für Isabel ist ein Schriftsteller auf der Suche nach Isabel, einer kommunistischen Widerstandskämpferin, die er einmal sehr geliebt hat. Isabel ist im Portugal der Salazar-Diktatur spurlos verschwunden. Die Suche pendelt zwischen Lissabon, Macao und Neapel. Je näher der Schriftsteller Isabel zu kommen scheint, desto weniger ist ihre Geschichte zu fassen.




Herbstzeitlos: Hähh? Ja, genau, eigentlich für den 19. Oktober 2015 geplant, ist folgendes Buch längst erschienen, jedes Datum also Nullzeit, geht ja auch schließlich um Umberto Eco: Nullnummer, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München: Hanser, 240 Seiten, 21,90 € 

In seinem neuen Buch, einem Kriminalroman, porträtiert Eco das Wirken von Korruption, Intrigen und Verschwörungstheorien hinter der Fassade einer „schönen“ und „guten“ Gesellschaft, zwischen Wirtschaft, Politik und Presse. Am 6. Juni 1992 wird im Mailand bei dem Journalisten Colonna eingebrochen, um Disketten mit brisanten Informationen zu stehlen. Nicht nur gerät das Leben des Journalisten daraufhin in Gefahr, auch er selbst gerät in den Strudel krimineller Machenschaften und Machtspiele.